Landrat Karmasin gibt Behinderten- und Sozialverbänden die Schuld
Für ein mehrjährige Verzögerung in der Planung des S4-Ausbaus habe die Forderung von Behinderten- und Sozialverbänden geführt, die S-Bahnen bei vier Gleisen außen fahren zu lassen, weil Außenbahnsteige für Behinderte über Rampen zugänglich sind, statt wie von der Bahn vorgesehen auf innen liegenden Bahnsteigen mit Aufzügen. So zitiert die SZ Landrat Karmasin (CSU).

Damit kann nur die Planung des Bahnhofs in Puchheim gemeint sein. Erst vier, dann drei und dann wieder vier Geleise, erst Außen-, dann Mittelbahnsteig und dann doch vielleicht wieder Außenbahnsteige. Das Planungschaos und der Planungsfrust sind kaum noch zu überbieten.
Der Frust hat sich u.a. jüngst in einer Verpackungsaktion des Puchheimer Bürgermeisters Norbert Seidl (SPD) auf der Nordseite des Puchheimer S-Bahnhofs Bahn gebrochen. Die drei weisen Affen „nichts Böses sehen“, „nichts Böses hören“, „nichts Böses sagen“ wurden einzeln verpackt und an die Vorstandsvorsitzende der DB Evelyn Palla, den bayerischen Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) und den Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) versandt.
Vorausgegangen war Ende Januar die Veröffentlichung eines Positionspapiers der Verbundlandkreise und Städte im MVV – Zukunftsperspektiven für den Schienenpersonennahverkehr. Als Mitverfasser ist ausdrücklich Landrat Thomas Karmasin, Fürstenfeldbruck genannt.
In diesem Positionspapier ist für die S4 West nach Geltendorf folgendes vorgesehen:
- kurzfristig bis 2027:
20-Minuten-Takt am Wochenende mindestens bis Grafrath, besser bis Geltendorf und Rücknahme der Verschlechterungen zum Fahrplanwechsel 2025 - mittelfristig bis 2030:
Ertüchtigung Westkopf am Bf. Pasing /Linienzugbeeinflussung und durchgehender Nachtverkehr (stündlich), 10 Minutentakt in den Hauptverkehrszeiten zwischen Pasing und Buchenau, neue S-Bahn-Station Emmering, alle Züge unter der Woche als Langzüge - nach Inbetriebnahme der 2. Stammstrecke (2036??):
Ausbau Bahnsteig Fürstenfeldbruck (S) Gleis 4 für Regionalzughalte und Verlängerung nach Buchloe (Express) - Umsetzungshorizont 2040+:
Eigene, zweigleisige S-Bahn-Strecke
In diesem Positionspapier kommt Puchheim nur in der Anlage 4 zur Barrierefreiheit vor, als eine der 15 nicht barrierefreien Stationen bei 150 Stationen im gesamten Münchner S-Bahn-Netz. Über die Realisierung der Barrierefreiheit der nicht barrierefreien Stationen, also auch in Puchheim, einer der stärksten genutzten Stationen an der S4, gibt es keine Angaben.
Angesichts dieser Feststellungen ist man geneigt, dem Grünen-Sprecher Martin Runge zu folgen. Er fragt provokant, ob der Brucker CSU-Landrat „einen schlimmen Aussetzer“ hatte oder gar nicht dabei war, als das Papier beschlossen worden ist.
Nach dem Artikel in der SZ will der Landrat die Jahreszahl 2040 nicht als geplanten Fertigstellungstermin für den Ausbau der S4 verstanden wissen. Sie beziehe sich vielmehr „auf eine Vision für den gesamten Bahnknoten München“. Umso schlimmer: Im Positionspapier wird eine Vision erst für das Jahr 2050 entworfen:
- Die S-Bahn München fährt auf eigenen, zweigleisigen Strecken – ohne Mischbetrieb mit Regional-, Fern- und Güterverkehr.
- Alle Strecken sind elektrifiziert.
- Alle Bahnsteige und alle Fahrzeuge sind vollständig und dauerhaft barrierefrei erreichbar.
Nun denn, dann sind es halt noch zehn Jahre mehr. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ hat Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 gesagt. Angesichts der Historie und der zur Verfügung stehenden Finanz- und Planungskapazitäten erscheint das mit Blick auf die S4 West durchaus zutreffend.
Die Zuckerl, die laut Landrat den Pendlern auf der S4 zugutekommen sollen, vermögen nicht zu überzeugen: Bis 2027 einen durchgehenden 20-Minuten-Takt am Wochenende bis Geltendorf und bis 2030 in der Hauptverkehrszeit einen Zehn-Minuten-Takt zwischen Pasing und Buchenau.
Die bis 2030 geplante neue Station Emmering wird den Verkehr eher behindern, denn beschleunigen und zuverlässiger machen. Es kann nicht angehen, dass schwach ausgelastete neue Stationen gebaut werden, bevor bestehende hochfrequentierte Bahnhöfe den Vorschriften entsprechend umgebaut sind. Zu fragen ist auch, wie etwa ein 10 Minuten-Takt bis Buchenau in den Hauptverkehrszeiten verwirklicht werden soll, wenn lediglich der Westkopf in Pasing und eine Linienzugbeeinflussung die Basis sind.
Noch schlimmer: Der Ausbau der S4 (von Pasing bis ??), also eine eigene, „zweigleisige S-Bahn-Strecke“ steht jetzt in derselben Kategorie 2040+ wie die gerade erst eingebrachte Planungsidee Verlängerung der S2 von Altomünster nach Aichach als Verbindung zur „Paartalbahn“.

Bislang gab es drei S4-Aktionstage in Puchheim: 2017, 2019 und 2020. Der Aktionstag 2019 wurde von den Unabhängigen Bürger Puchheim durchgeführt.
Fazit der Aktionstage:
- Die Forderungen bleiben über Jahre die gleichen:
- Viergleisiger Ausbau
- Dichterer Takt
- Barrierefreiheit, Außenbahnsteige
- Verlässliche Planung
- Die politische Beteiligung vor Wahlen nimmt zu:
Von 2017 bis 2020 kamen mehr Landtags‑ und Kommunalpolitiker
- Die Zeitpläne werden immer weiter nach hinten geschoben:
1997: Fertigstellung bis 2001
2006: „frühestens 2015“
2018: „bis 2030“
Und heute ist der „Umsetzungshorizont“ 2040+. Die Kritik von 2019 wirkt im Rückblick fast prophetisch.

Für Puchheim und die Barrierefreiheit seines S-Bahnhofs sind das alles keine gute Aussichten. Der neue Stadtrat und der neue Bürgermeister müssen etwas bewegen! Die Puchheimer Unabhängigen stehen für neue Aktionen zur Verfügung, auch wenn der Frust schon ziemlich groß ist!
Dr. Reinhold Koch
